ATEX-Richtlinie – Das müssen Anwender beachten

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Seit dem 20. April 2016 gilt sie verbindlich, die ATEX-Direktive der Europäischen Union. Sie definiert die Rechtsvorschriften für Produkte, welche in explosionsgefährdeten Bereichen eingesetzt werden. Nicht nur Hersteller und Händler, sondern auch Anwender sollten sich unbedingt informieren, denn die bis dato ausgestellten Zertifikate, gelten nicht mehr für Produkte, die neu in den Verkehr gebracht werden. Neuerungen gibt es auch, wenn Anwender aus mehreren Bauteilen eine Anlage oder Baugruppe selbst errichten, etwa aus Pumpe, Kupplung und Motor. Denn der Anwender wird dann zum Hersteller und muss über die Eigenschaften der verwendeten Komponenten inklusive der eingesetzten Kupplung genau Bescheid wissen.

Am 20. April 2016 war es soweit: Übergangslos trat die sog. Explosionsschutzprodukteverordnung 11. ProdSV in Kraft, mit der die ATEX-Produktrichtlinie 2014/34/EU in nationales deutsches Recht umgesetzt wird. Auch wenn damit keine grundlegenden Neuerungen im Bereich des Explosionsschutzes verbunden sind – Hersteller, Händler und Nutzer von Geräten oder Komponenten sollten um die wichtigsten Änderungen wissen.

Die gute Nachricht: Alle gemäß der ehemaligen ATEX-Richtlinie 94/9/EU ausgestellten Zertifikate sind weiterhin gültig. Allerdings dürfen seit 20. April 2016 nur noch Produkte mit einer neuen EU-Konformitätserklärung „dem Markt zur Verfügung gestellt" werden. Das ist auch schon eine der Neuerungen: Die frühere EG-Konformitätserklärung heißt nun EU-Konformitätserklärung und die EG-Baumusterprüfung wird zur EU-Baumusterprüfung. Und das „dem Markt zur Verfügung stellen" ist anders – genauer gesagt umständlicher definiert. Auch Betreiber stellen nämlich nach neuer Definition unter bestimmten Voraussetzungen Produkte dem Markt zur Verfügung.

Einige Neuerungen für Hersteller

Seit dem genannten Stichtag werden die neuen Zertifikate gemäß ATEX-Richtlinie 2014/34/EU ausgestellt. Was den konstruktiven Explosionsschutz betrifft, ändert sich unterm Strich wenig. Beim Verfahren zur Konformitätsbewertung hat sich nichts geändert. Hersteller von Geräten, die in explosionsgefährdeten Bereichen eingesetzt werden sollen, müssen damit auch weiterhin nachweisen, dass ihre Produkte alle Sicherheitsanforderungen erfüllen. Vieles aus der alten ATEX-Richtlinie 94/9/EG ist mehr oder weniger unverändert auch in der neuen Verordnung enthalten. Gerätegruppen, -kategorien und die Entscheidungskriterien für die Zuordnung, die Definitionen für Schutzsysteme und explosionsfähige Atmosphäre und auch Pflichten des Herstellers beim Inverkehrbringen und Kennzeichnen bleiben beispielsweise gleich. Doch einige Regelungen wurden detaillierter ausgeführt. Hersteller müssen nun die Rückverfolgbarkeit sicherstellen. Und die Zündgefahrenbewertung findet nun im Rahmen der Risikoanalyse und -bewertung, die im Konformitätsbewertungsverfahren festgeschrieben ist, statt.

Ebenfalls wichtig: Für nicht-elektrische Geräte gelten obligatorisch seit dem 1. November 2019 geänderte Kennzeichnungsvorschriften gemäß der harmonisierten Normen der Reihe DIN EN ISO 80079-36:2016. Neu produzierte bzw. neu in den europäischen Markt eingeführte Produkte, die über Kennzeichnungen gemäß der Norm DIN EN 13463-1:2009 verfügen, verlieren ihre Vermutungswirkung und erfüllen damit nicht mehr die Anforderungen der ATEX-Produktrichtlinie. Die Vermutungswirkung bereits produzierter oder im Einsatz befindlicher nicht-elektrischer Geräte mit entsprechender Kennzeichnung bleibt davon unberührt.

Händler müssen genauer hinschauen

Händler und Importeure allerdings finden sich in einer neuen Rolle wieder – mit neuen Pflichten. Bringen sie Produkte zum Gebrauch in explosionsgefährdeten Bereichen auf den Markt, muss dieses den Anforderungen der EU-Richtlinien entsprechen. Sie müssen etwa dafür Sorge tragen, dass EU-Konformitätserklärungen, Betriebsanleitungen sowie Sicherheitsinformationen in der passenden Sprache beigefügt sind und prüfen, ob eine CE-Kennzeichnung vorhanden ist. Damit die Rückverfolgbarkeit gewährleistet ist, müssen auch sie Informationen über Lieferanten und Kunden aufzeichnen.

Neue Pflichten für den Betreiber mit eigenem Engineering

Eine wichtige Neuerung betrifft damit den, der ein explosionsgeschütztes Produkt oder eine Anlage (also Baugruppen als Kombination von Geräten) für den Eigengebrauch baut. Er wird zum Hersteller und muss alle Anforderungen erfüllen – vor der ersten Inbetriebnahme des Produkts. Der Anwender muss dann ein neues ATEX-Zertifikat nach Richtlinie 2014/34/EU erlangen. Auch wenn er ein Produkt, das ursprünglich nicht für den Ex-Bereich zugelassen war, modifiziert und damit „Ex-fähig" macht, ist er gefordert.

Genau aufpassen bei Baugruppen mit Antrieben

Unter diese Baugruppen fallen zum Beispiel Verpackungsmaschinen, Gurtförderanlagen mit Antrieb und Steuerung, Siloanlagen, Pumpen, Ventilatoren oder Armaturen mit Antrieb. Das Konformitätsbewertungsverfahrens für diese Anlagen bzw. Baugruppen umfasst u.a. eine Risikobeurteilung der Baugruppen auf Zündgefahr u.a., die Prüfung des sicheren Einsatzes von ATEX-Produkten die zugekauft wurden und die Bewertung der elektrostatischen Zündgefahren. Auch an Dokumentation und Betriebsanleitung bestehen besondere Anforderungen.
Für Hersteller von Geräten und auch einigen Komponenten ist jetzt Fleißarbeit angesagt. Denn auch für die bestehenden Produkte, die schon als ATEX-konform erklärt wurden, müssen sie alle Montage- und Betriebsanleitungen auf den Stand der neuen Richtlinie bringen und die neue Konformitätserklärung erlangen, bevor sie die Produkte weiter auf den Markt bringen dürfen.

Potenzielle Zündquellen bei Kupplungen

Das gilt auch für nicht schaltbare Kupplungen, obwohl diese der Maschinenrichtlinie zufolge nicht zu den Geräten oder Maschinen zu zählen sind. Als Komponenten mit potenzieller Zündquelle fallen sie jedoch unter die ATEX-Richtlinie, da durch ihre Eigenerwärmung Temperaturen entstehen könnten, die eine Explosion hervorrufen würden. Die Temperaturen an der Kupplungsoberfläche, die zum Beispiel bei Drehmoment-Schwankungen oder Kupplungsverlagerung durch das Walken der Elastomer-Elemente entstehen, müssen im Rahmen der Risikobewertung detailliert untersucht werden.

Beim Betrieb vieler elastischer Klauenkupplungen ist zudem auch die Gefahr der Funkenbildung gegeben, etwa, wenn das Elastikum abgenutzt ist. Durchschlagende Kupplungen wie bestimmte Wellenkupplungen übertragen dann kein Drehmoment mehr, da die eine Hälfte der Kupplung stillsteht, während sich die andere Hälfte weiterdreht. Das erzeugt Wärme und es besteht Zündgefahr. Um diese zu minimieren, ist eine regelmäßige Wartung notwendig.

Der vollständige Name der ATEX-Richtlinie 2014/34/EU lautet „Richtlinie 2014/34/EU des europäischen Parlaments und des Rates vom 26. Februar 2014 zur Harmonisierung der Rechtsvorschriften der Mitgliedstaaten für Geräte und Schutzsysteme zur bestimmungsgemäßen Verwendung in explosionsgefährdeten Bereichen (Neufassung)". Sie steht im Online-Angebot der Europäischen Union zum Download zur Verfügung – auch als deutsche Ausgabe.

 

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